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Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?

Gute Frage: Wie viele Sprachen gibt es auf der Welt?

Diese Frage beschäftigt wahrscheinlich jede/n Sprachwissenschaftler/in im Laufe des Studiums. Doch auch für Nicht-Linguisten, ist es eine interessante Denkaufgabe. Denn um zu ermitteln, wie viele Sprachen weltweit auftreten, könnte man zunächst einmal nachzählen, wie viele Länder es auf der Welt gibt. Die Vereinten Nationen (UN) umfassen 193 Staaten, zu denen jedoch noch weitere Staaten, Nationen, Länder und Territorien kommen, die keine UN-Mitglieder sind. Demnach kann man von etwas mehr als 200 Ländern bzw. Staaten auf der Welt ausgehen. Existieren also auch 200 Sprachen?

Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, wie es zunächst scheint. Denn tatsächlich hat die Anzahl der Länder nichts mit der Anzahl der Sprachen zu tun. Einige besitzen mehrere Amts- und Regionalsprachen, andere wiederum keine offizielle Sprache, die auf den Ursprung ihres Staates zurückzuführen ist. Auch verschiedene Dialekte – also Sprachvarietäten innerhalb einer Sprache – gestalten das Zählen aller Sprachen als schwierig. Die 23 meistgesprochenen Sprachen der Welt, werden von der Hälfte der Weltbevölkerung gesprochen. Doch 40% der Sprachen weltweit sind bereits vom Aussterben bedroht, weil sie nur noch sehr wenige Menschen (unter Tausend) beherrschen.

Aber wie viele Sprachen existieren denn nun auf der Welt?

Würde man einem Sprachwissenschaftler mit dem Auslöschen einer weiteren Sprache bedrohen und ihm diese Frage direkt stellen, würde er vermutlich widerwillig „etwa 7000“ antworten. Diese Anzahl beinhaltet jedoch noch keine Dialekte und Ehtnologue.com schreibt: „Diese Zahl ist ständig im Wandel, denn wir lernen jeden Tag mehr über die Sprachen der Welt. Und darüber hinaus sind auch die Sprachen selbst einem ständigen Wandel unterworfen. Sie sind lebendig und dynamisch, gesprochen von Gemeinschaften, deren Leben von unserer sich rasch verändernden Welt geprägt ist.“

Probleme der Sprachenzählung

Laut der modernen Sprachforschung existieren tatsächlich über 7000 verbale Sprachsysteme auf der Welt. Doch wie bereits erwähnt, ist es grundsätzlich schwer sich auf eine genaue Anzahl zu einigen, denn eine präzise Ermittlung ist in vielen Fällen nicht möglich. Die bisher bekannten Sprachen lassen sich zum Teil in ca. 300 genetische Einheiten – Sprachen, die einen gemeinsamen Ursprung haben – einteilen. Dabei unterscheidet man in der Regel zwischen 180 eigentlichen Sprachfamilien und 120 isolierten Sprachen – Sprachen ohne zurückführbare Ursprache. Das Problem bei dieser Einteilung, sind jedoch die Dialekte einer Sprache. Die Dialektcluster – Gruppen nah verwandter Sprachen, die nicht den Status von eigenständigen Sprachen besitzen – stellen ein grundsätzliches Problem in der Sprachenzählung dar, die die genaue Anzahl regelmäßig verfälschen. So werden zum Beispiel die indigenen Sprachvarietäten Südamerikas von einigen Forscher/innen als eine Sprache mit verschiedenen Dialekten betrachtet, statt als 39 miteinander verwandter Sprachen.

Gleichzeitig werden manche Sprachen jedoch aus politischen Gründen voneinander getrennt. So zum Beispiel das Serbische, Kroatische, Bosnische und Montenegrinische, die nach linguistischen Kriterien eine Sprache – Serbokroatisch – darstellen. Vergleichbar mit dem Deutsch in Deutschland, Österreich und der Schweiz unterscheiden sich diese Sprachen kaum voneinander und die jeweiligen Sprecher/innen, können sich ohne Probleme untereinander verständigen. Aus politischen und historischen Gründen, die mit der Entwicklung des ehemaligen Jugoslawiens zu tun haben, werden sie heute jedoch als verschiedene Sprachen definiert.

Wo verstecken sich die Sprachen?

Die Frage, die sich bei dieser erschreckend hohen Anzahl von Sprachen auf der Welt stellt, lautet: Wo verstecken sich all diese Sprachen? Denn wenn die Hälfte der Weltbevölkerung nur 23 der meistgesprochenen Sprachen spricht und bereits über 1200 Millionen Menschen Englisch und weitere 1100 Millionen Menschen Mandarin sprechen – wo bleiben da die restlichen 6977 Sprachen?

Innerhalb Europas sind es die Schweiz und Luxemburg, in denen die meisten Sprachen gesprochen werden. Französisch, Deutsch und Luxemburgisch sind die Amtssprachen Luxemburgs – und Französisch, Deutsch, Italienisch und Rätoromanisch sind die Amtssprachen der Schweiz. Das hört sich schon nach ziemlich viel an, doch sollte man sie erstmal mit Papua-Neuguinea vergleichen. Denn in dem kleinen Land mit rund 8,78 Millionen Einwohnern, kommen bereits 840 verschiedene Sprachen und Dialekte aufeinander. Tatsächlich ist Papua-Neuguinea das Land mit den meisten Sprachen.

Auch Indonesien mit mehr als 18.000 Inseln, auf denen viele Einwohner derselben Insel, nicht einmal dieselbe Sprache sprechen, besitzt eine wahnsinnig große Sprachenvielfalt. Auch hier wird mit mehr als 700 Sprachen innerhalb des Staates gerechnet. Genauso bieten Russland, Südamerika und viele Gebiete Afrikas, Raum für viele kleine- zum Teil indigene – Sprachen und Dialekte.

Einteilung der Sprachengefährdung

Während man sehr sicher festlegen kann, dass Englisch die meistgesprochene Sprache weltweit ist (mit Mandarin, die den größten Anteil an Muttersprachler/innen besitzt), lässt sich dagegen kaum einkreisen, welche Sprache am wenigsten gesprochen wird. Eine Sprache, die weniger als Tausend Sprecher/innen besitzt, schätzt man als vom Aussterben bedroht ein. Wobei es auch einige Sprachen gibt, die nur noch von vereinzelten Personen gesprochen wird. Etwa 40% aller Sprachen auf der Welt, gelten als vom Aussterben bedroht. Hierbei wird jedoch in verschiedenen Stufen unterschieden:

  • Sicher: Eine Sprache, die sicherlich nicht demnächst aussterben wird. Sie wird von mehreren Generationen gesprochen und an die nächste weitergegeben. Sie ist zum Teil die Amtssprache eines oder mehrerer Staaten. (z.B. Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch)
  • Potenziell gefährdet:  Sprachen, die häufig gesprochen werden und auch zum größten Teil noch an jüngere Generationen weitergeben werden. Sie besitzen jedoch keinen politischen Status und werden nicht als offizielle Verwaltungssprache oder im Bildungswesen genutzt. (z.B. Kurdisch, Weißrussisch, Aymara, Tibetisch)
  • Gefährdet: Sprachen, die zu Hause von Kindern nicht mehr als Muttersprache erlernt werden. (z.B. Walisisch, Sardisch, Kichwa, Aramäisch)
  • Ernsthaft gefährdet: Eine Sprache, die höchstens noch von der Großelterngeneration gesprochen wird. Eltern verstehen sie eventuell, geben sie aber nur in den wenigsten Fällen an ihre Kinder weiter. (z.B. Saterfriesisch, Niedersorbisch, Bretonisch)
  • Moribund: Die Anzahl an Sprecher/innen ist hier so gering, dass ein Überleben der Sprache höchst unwahrscheinlich ist. Vereinzelte ältere Sprecher/innen, sprechen diese Sprache nur noch teilweise und können sie nicht mehr an die jüngere Generation weiter geben. (z.B. zahlreiche Sprachen amerikanischer oder australischer Ureinwohner)
  • (Ausgestorben: Es existieren keine Sprecher/innen mehr. Entweder sind sie selbst ausgestorben oder zu einer anderen Sprache übergegangen.)

Florian Ravaux
Als gebürtiger Bretone befürchtet Monsieur Ravaux vor allem eines: dass ihm der Himmel auf den Kopf fällt. Florian Ravaux, 1983 in Rennes geboren, studierte Rechtswissenschaften in Frankreich an der Universität Rennes 1 und in Deutschland an der Humboldt-Universität zu Berlin. Während seines Studiums spezialisierte er sich auf europäisches Recht. Darüber hinaus erwarb er in Partnerschaft mit Sciences-po Straßburg einen Master-Abschluss in Wissenschaftspolitik am Institut des Hautes Etudes Européennes in Straßburg.
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